Die Sitzungen bei Albrecht Gehse waren jedes Mal eine tolle Begegnung. Zum Atelier führten scheußlich steile Treppen. Das Ambiente des Arbeitsraumes war für mich am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig. Ich habe Herrn Gehse wirklich bewundert, wenn er vor seinem Tisch stand und viele Farben durcheinandermischte. Oft fragte ich mich, ob überhaupt ein Ergebnis dabei herauskommt. Nicht nur einmal schlug ich ihm am Ende einer Sitzung vor: "Schütten Sie doch einfach alleszusammen". Jedenfalls ist, Sie können es heute sehen, etwas Gutes aus den Sitzungen geworden. Es waren auch für mich lehrreiche Stunden.

Ich habe mit Herrn Gehse einen Mann kennengelernt, der einen völlig anderen Lebensweg hatte. Er verbrachte wichtige Jahre seines Lebens nicht in einer gewissen Beschaulichkeit am Rhein, sondern in Leipzig, wo er seine Fähigkeiten als junger Künstler entwickelte. Er wollte etwas erreichen. Noch etwas möchte ich heute sozusagen zu Protokoll gegeben. Ich hatte mir vorgestellt, die Sitzungen im Atelier würden eine stinklangweilige Angelegenheit. Ich glaubte nicht, daß sie irgendwie erfreulich werden könnten. Ich muß sagen, ich habe wenige Stunden in diesen Jahren erlebt, in denen ich so gelacht habe wie mit Albrecht Gehse in seinem Atelier. Nie verstand ich sein Faible, Fische zu malen. Aber ich spürte während der Sitzungen seine Lebensfreude, die ansteckend war.

 

Meine Damen und Herren, wenn Sie Albrecht Gehse in Aktion sehen, dann erleben Sie einen Mann, der auch beim Malen das Leben liebt. Er trinkt gerne, und er ißt gerne. Und er hat nicht die deutsche Eigenart an sich, auf die Frage: "Wie geht es Ihnen?" zu sagen: "Relativ gut", sondern: "Es geht mir gut". Wenn er sagt: "Es geht mir gut", dann meint er es auch so. Das merkt man auch den Bildern an. Ich entdecke beim Betrachten meines Bildes Züge von mir, die ich bislang so nicht kannte. Insofern ist das Bild für mich auch eine Anregung. Das Bild ist von einer Art, die auch Fragen aufwirft, und das nicht nur, weil es mich darstellt. Mir fallen in diesem Bild meine Augen auf. Obwohl ich mich ja jeden Tag im Spiegel sehe, sind sie mir so noch nicht aufgefallen.

 

Ich bin sehr dankbar, daß dieses Projekt etwas geworden ist. Ich bin dankbar, daß dies in einem guten Miteinander, auch menschlich, möglich war. Ich freue mich, dass dieses Gemälde heute in der Nationalgalerie vorgestellt wird.

 


Bundeskanzler a. D. Helmut Kohl

(Auszug aus der Rede anläßlich der Vorstellung des Gemäldes "Helmut Kohl" von Albrecht Gehse in der Neuen Nationalgalerie Berlin, 22.10.2003, Katalogbuch)

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